Urkeim der Individuation – Josephsgedenken

‚Ich werde aus dir ein großes Volk machen‘, sagt Jahwe zu Abraham.
Überwindung der Vereinzelung in die er Selbst
diesen aus der Heimat Herausgeführten gebracht hatte.
Was aber bedeutet das für Abrahams Nachkommen?

‚Du bist Teil von Abrahams Vermehrung, vermehre dich,
bekomme Kinder, damit aus Abraham ein Volk werde!‘

Und was, wenn ein Mensch lieber er selbst werden will?
Ab wann wird diese Frage relevant?
Keimhaft offenbar schon sehr bald danach.

Schon Abrahams Enkel rebelliert gegen diesen Gott,
für den die kleinste sinnvolle Einheit 1 Volk ist,
und kämpft mit ihm, versucht sich seinem Zugriff zu entringen.

Und wirklich scheint dieser Gott
jenen Widerstand leistenden Sonderling freigeben zu wollen,
als es ihm nicht gelingt, ihn zu überwinden. Aber was macht der?
Er hält den Gott nun selber fest und verlangt von ihm –
von diesem Gott – einen Segen.

Segen wozu? Was für einen sinnvollen Segen
könnte dieser Gott jenem schon geben?

Und Jahwe sagt: Gut, das Volk soll nicht nach Abraham benannt sein,
sondern nach dir. Aber hatte Jakob das denn gewollt?
Wollte er nicht vielmehr frei sein, Individuum und Mensch werden?
Zumindest wollte er es noch nicht klar genug.

Gleichviel, der Keim der Individuation war gelegt
und zwar in dieses Volk hinein. Der Drang zum ‚Ich bin‘.
Und in Joseph vollzog sich schon der nächste Schritt.

Und später dann, als Jesus zum Christus geworden war:
Immer, wenn er ‚Ich‘ sagt oder ‚Ich bin‘, fangen die Pharisäer an zu wüten.
Aber wo kommt diese Wut denn her? Was wütet da in ihnen und durch sie?
Ist es vielleicht sogar Jahwe selbst, der auch schon gewütet hat,
als Jakob sich erlaubte, ‚Ich‘ zu sagen?

Und warum hat sich Jakob überhaupt in Rahel verliebt?
Vielleicht weil er in ihr schon den sah,
den sie ihm viel später erst gebären würde?
Denn es galt noch viel Widerstand zu überwinden,
der der Geburt des Joseph entgegen stand und sie zu verhindern suchte.
Erst mussten die anderen geboren werden,
aus denen das Volk werden sollte.

Dann erst konnte Joseph kommen,
der wiederum aus der Familie heraustrat,
in die Vereinsamung kam und in eine neue Welt,
die er mitgestaltete und in der er zu sich selbst wurde.

Und sagt Jakob nicht bei Thomas Mann zu Joseph:
‚Deine Söhne nehme ich hinein ins Volk, du aber bist draußen‘?
Und ist das nicht der wahre Vatersegen? Der nämlich zur Individuation hin,
die er, Israel, nicht hatte vollbringen können?

Aber wie kam dieser Keim, dieser Urimpuls zum Ich
überhaupt in die Familie hinein?
Zunächst durch Abrahams Emigration und Vereinzelung,
dann aber durch seine Begegnung mit Melchisedek;
vielleicht ja von diesem her.

‚Die Gnade dessen, der in dem Dornbusch wohnte,
komme auf das Haupt Josephs,
auf den Scheitel des Geweihten unter seinen Brüdern.‘
So steht es im fünften Buch Mose und so sei es.

Die Idee kam von Goethe, dass man die Geschichte des Joseph
ausführlicher aufschreiben müsse.
Und sie kam in einer Zeit und einer Kultur, in der es
um die Ermöglichung der Entwicklung des individuellen Menschen
hin zu sich selbst ging.

Der Nationalsozialismus war der Versuch,
diese Kultur zu zerstören. Insofern hat Thomas Mann zu dieser Zeit
in seinem Josephsroman mit großem Verdienst
gegen diese Vernichtung angeschrieben.

Und weil das Angehen gegen die Kultur der Individuation andauert,
muss weiter an Joseph gedacht werden.

Sieg des Tageslichts

Aus dem Küchenfenster – die Weglaterne
vor dem morgendlichen Himmel.

Der Moment, in dem das elektrische Licht
sich ausschaltet,

kapituliert vor der größeren Helle des Tages,
und den Versuch aufgibt,

die Welt in seinen Schein zu setzen.
Ende des dunklen Zeitalters.

Festbeleuchtung.
Woher auch immer die kommt.

Sie ist herrlich
und nimmt weiter zu.

Ödipus als Erlöser

Die ganze unerlöste Menschheitssubstanz
lässt sich wohl nicht von außen erlösen,
nur von innen her.

Der Erlösungswille muss da immer wieder neu rein,
in alle Verletzungen, in alle Zustände,
die diese mit sich bringen und nach sich ziehen.

So steht das ja auch bei Walter Benjamin: Man müsse sich
auf die Widersprüche des Daseins da einlassen,
wo sie allein zu lösen sind, im Menschen. Das sei Weisheit.

Und darum ist auch Ödipus ein solcher Weiser.

Gewöhnlich sieht man es so, dass er durch all das erlebte Leid
zu Weisheit und menschlicher Größe erst gekommen sei.

Man kann es aber auch so sehen, dass der Mythos von Ödipus
schon vor seiner Geburt bestand als etwas,
was sich ereignen musste in der Sphäre des Menschseins,

die ja wachsen muss durch Anlagerung neuer Erfahrungen.
Und wie sonst hätte Iokaste die Geschichte schon erfahren können,
bei seiner Geburt, wenn sie noch nicht da gewesen wäre?

Und dass also – wie im Theater, denn auch insofern ist die Welt ja
ein großes Theater – unter den Ungeborenen gefragt wurde,
wer bereit sei, die Rolle des Ödipus zu verkörpern.

Dafür kam nur ein Weiser in Frage und dazu
war auch nur ein Weiser bereit. (Einer der Einsicht haben konnte
in die Notwendigkeit dieses Geschehens.)

Das heißt es, Ödipus nicht als Opfer zu sehen sondern als einen,
der selbstwirksam war und Verantwortung übernahm
durch sein Leben für das Fortschreiten die Menschheit.

Der also nicht durch sein Leiden zum Weisen geworden ist,
sondern durch seine Weisheit zum Leiden gekommen.

Farbe und Geheimnis des Lichts

1.
Ich schaue auf zum Himmel
und er erscheint mir in seiner Farbe.

Aber es ist mir auch
als könnte ich mehr wahrnehmen
als nur diese Farbe.
Oder als geschehe da mehr
als nur Wahrnehmung von Farbe.

Und als wäre dieses Weitere nicht nur das Licht selbst,
wohl aber etwas, das das Licht, zusammen mit der Farbe,
gleichfalls trägt und vermittelt.

Im Wahrnehmen und Erleben des Himmels
mischen sich auf geheimnisvolle Weise
die Farbe als Offenbares und das Geheimnis des Lichts.

2.
Es ist eine Wahrnehmung und es ist ein Erleben,
die zugleich beides sind, sinnlich und übersinnlich.

Und ihnen liegen zu Grunde zwei Hinwendungen zum Himmel,
die augenscheinlich aneinander gekoppelt sind.

Das eine ist die Ausrichtung des Blicks dorthin
und sein Verweilen dort,

das andere die Öffnung des Herzens,
die ein Einströmen des Geheimnisses erlaubt.

Wo zuvor statische Trennung war zwischen hier und dort
ist dann dieses Strömen,

das durch Hier und Dort hindurchgeht
und sie in sich aufnimmt und aufhebt.

3.
Es ist so einfach!

Klärung der Grenze

Früher Morgen. In den Wolken
ein scheues Rosa.

Der Himmel, dahinter und darin,
ist schon anfänglich erleuchtet
und klärt an den Oberkanten der Häuser

die Grenze zwischen dem Bestimmten, Dunklen,
und der Unermesslichkeit,

dem Himmel, dem Bestimmenden.
Dem Licht der Welt.

Probier Welten aus!

Konstruktivistischer Imperativ

Probier Welten aus und interessier dich dafür,
was die verschiedenen Welten mit dir machen,
zu wem sie dich machen wollen!

Und überleg, ob du der sein willst,
ob du der werden willst!

Jede Welt hat schon ein Bild von dir, indem sie
ein Bild vom Menschen hat. Wähl deine Welt so,
dass sie dich zu dir selber macht!