Diesseits und jenseits der Tiergartenstraße

Diesseits und jenseits der Tiergartenstraße

Indem jene Staaten Komplizen geworden waren des hier herrschenden Bösen, /
konnten dort, privilegiert, ihre exterritorialen Auswüchse entstehen, /
steinern sich gegen die Schwerkraft aus dem Boden stemmend. //

Gegenüber davon: die Bäume, ganz anderen Gesetzen gehorchend. An der Stelle, /
wo Eicheln, Bucheckern und segelnde Ahornsamen den Boden berührten, /
stehen sie jetzt da in geheimnisvollem Gleichgewicht zwischen oben und unten – //

von den Leichtekräften der Welt zum Himmel empor gehoben. /
Als Verkörperungen welcher Ideen? Gründend in welchen Sphären? /
Und als lebendige Botschafter welchen fremden Reiches? //

Und Deutschland selbst? Schwer steht es hinter den Bäumen, als vertrackte Maschine, /
auch aber, ganz anderswo, getragen von Leichtekräften. Und es ist kaum zu sagen, /
welches der beiden Deutschland das rätselhaftere ist. //

Die Königstochter und der Drache

Die Königstochter, gefangen gehalten vom Drachen – von wegen!
Als ob die zu dem schon sollte „Ich“ sagen können,
was an ihr Königskind ist.

Sie ist die Tochter von Drachen. Der Drache, der sie gefangen hält,
ist ihr Vater und ihre Mutter.

Und das geheimnisvolle Wesen, das durch die Luft geflogen kommt,
ist mitnichten ein Held auf geflügeltem Ross.
Es gibt gar keine geflügelten Rosse.

Auch der ist ein Drache, wie sehr sie sich auch bemüht,
ihn mit Plüschaugen anzuschauen.

Er wird sie da rausholen. Aber so lange
kann keiner Plüschaugen machen und keiner
so lange die Luft anhalten. Es stinkt zum Himmel.

Es wird nicht lange dauern, da wird sie merken,
dass sie wieder in der Hand des Drachen ist.

Ein Drache lässt sich nicht so leicht besiegen. Der einzige Drache,
der sich überhaupt besiegen lässt, ist man selbst.

Dann erst wird man zur Königstochter oder zum Menschensohn.
Dann erst ist Hoffnung, gerettet zu werden.

Auf der Grenze (die Berufung zur Poesie)

Auf der Grenze zwischen Nacht und Tag

Mir träumte, ich war unterwegs auf einem weiten Feld,
in einer Welt, die blass war, wie skizziert nur, noch halb unerschaffen.

Da sah ich an einem Ort, der Stadt sein konnte oder es vielleicht schon war,
einzelne Filmplakate. Und eines erkannte ich wieder.

Es war das Bild einer Wildgans oder eines ähnlichen Vogels.
Er trug aber Farben in seinem Federkleid wie aus einem Regenbogen.

Von der Freude über das Erinnertwerden an diesen Film
wurde ich innerlich fest und fröhlich und selber bunt.

Und vom Wunsch dies zu teilen wurde ich mir der Gefährtin bewusst,
die schon neben mir gegangen war, aber sie kannte den Film nicht.

Ich versuchte mich der Handlung zu erinnert, die ich fast ganz
vergessen hatte, von der nur die Farben in mir geblieben waren.

So wie ich später versuchte, mich des Traums zu erinnern.
Und er aus diesem Bemühen heraus erst eigentlich erstand.

Da war ein Junge, dem begegnete die Wildgans, draußen vor der Stadt.
Und weil sie den Jungen in einer solchen Verfassung fand, dass es nötig war,

vor allem aber auch möglich, sagte der Vogel ihm, er dürfe etwas wünschen,
und was er sich wünsche, werde ihm gewährt.

Der Junge konnte diesen Wunsch, gleichwohl er in ihm vorlag,
aber nicht ergreifen, das nämlich, was ihm weiterhülfe.

Da sprach der Vogel: Du kannst dir wünschen,
dass alle Probleme der Welt gelöst seien.

Dass die Welt ganz einfach wird und ebenso
das Leben der Menschen in ihr, auch das deine.

Oder du kannst dir wünschen, dass die Welt gleich bleibt,
schwierig, leidvoll und unerlöst, dass du aber Poet seist in ihr.

Als er dieses Wort hörte, wusste der Junge, und fand in sich die Klarheit,
dass es dieses war, sein Wunsch. Dass er nämlich zur Poesie berufen war.

Und ob es ihm auch leid tat um die Welt,
so konnte er sich nichts anderes wünschen als eben dieses.

Im Traum war es mir nicht möglich, das wiederzugeben,
mich mit dem verständlich zu machen.

Ich blieb weiter in der blassen Welt und griff vergeblich
nach Worten wie nach dem Regenbogen.

Da riss das Kind mich aus dem Schlaf, das zu mir gekommen war
und neben mir geschlafen hatte. Es hatte Böses geträumt.

Ich aber erinnerte mich meines eigenen Traums. Die Handlung des Films
war nicht mehr greifbar und kaum das Bild auf dem Plakat.

Aber ich konnte das alles jetzt, in diesem Zustand
zwischen Wachen und Träumen, aus mir selbst heraus aufbauen.

Noch zweimal holte das Kind mich zurück ins Wachsein,
als ich wieder in den Schlaf fallen wollte.

Dann ging es nicht mehr und ich blieb im Diesseits.
Und lag da mit dem Los meiner Schlaflosigkeit.

Und es geschah, dass ich in einem Moment der Annahme
beschenkt war, ähnlich wie mit einem Traum, mit dem Verständnis,

dass die Welt jener Menschen bedürfe, die sich nicht einrichten in ihr,
sondern die leben im Schmerz um ihre Unvollkommenheit

und die sie erleben als das Auseinanderklaffen dessen, wie es ist,
mit dem, was werden soll, damit alles gut sei.

Weil die Entwicklung dahin nur stattfinden kann
aus der Kraft dieser Spannung heraus im Menschen.

Ich konnte nicht mehr einschlafen und ging hinaus in den Garten.
Es war schon hell genug, um schreiben zu können.

Oben standen die Wipfel der Pappeln über den Abschlüssen der Häuser,
wie Wolken in ihrer Erhabenheit, aber dunkel.

Alles drängt nach oben, das konnte ich plötzlich sehen. Das Wasser
will Wolke werden, die Erde Lebendigkeit im Laub. Oder so:

Das Wasser drängt zum Himmel. Es will sich durchlichten
in den Wolken und lebendig werden im Geblätter der Bäume.

Und auch in mir drängt alles hinauf zur Poesie.

Zwei Schichten des Menschseins

Der gesunde Menschenverstand in seiner jeweils gültigen Ausprägung
führt nicht unbedingt zur Wahrheit,
wohl aber in die soziale Gemeinschaft hinein.

Und auch das ist ja ein Bedürfnis des Menschen
und eine Schicht des Menschseins,
Teil zu sein von dieser.

Und es ist eine andere Schicht und ein anderes Bedürnis,
Anteil zu haben an der Wahrheit
und daran frei zu werden.

Es ist hilfreich diese zwei Sachen
klar auseinander zu halten,
das ist schon schwer genug.

Aber dann muss man sie auch wieder
zusammenbringen in einer Existenz.
Und das ist die größte Herausforderung.

In der sächsischen Schweiz

Über den mächtigen Felsen – mächtige Wolken.
Jene künden von den entfernten Vergangenheiten,
diese vom Jetzt der Gegenwart.

Sie sind lichtdurchflutet,
jetzt schon wieder anders
und doch beständig in ihrer Monumentalität.

Neuansatz

Auf dem Boden stehen und den Himmel ansehen.
Mit dem Blick in den Wolken, mit den Füßen auf Erden,
nicht mehr um zu verstehen – um begnadet zu werden.