Diesseits und jenseits der Tiergartenstraße

Diesseits und jenseits der Tiergartenstraße

Indem jene Staaten Komplizen geworden waren des hier herrschenden Bösen, /
konnten dort, privilegiert, ihre exterritorialen Auswüchse entstehen, /
steinern sich gegen die Schwerkraft aus dem Boden stemmend. //

Gegenüber davon: die Bäume, ganz anderen Gesetzen gehorchend. An der Stelle, /
wo Eicheln, Bucheckern und segelnde Ahornsamen den Boden berührten, /
stehen sie jetzt da in geheimnisvollem Gleichgewicht zwischen oben und unten – //

von den Leichtekräften der Welt zum Himmel empor gehoben. /
Als Verkörperungen welcher Ideen? Gründend in welchen Sphären? /
Und als lebendige Botschafter welchen fremden Reiches? //

Und Deutschland selbst? Schwer steht es hinter den Bäumen, als vertrackte Maschine, /
auch aber, ganz anderswo, getragen von Leichtekräften. Und es ist kaum zu sagen, /
welches der beiden Deutschland das rätselhaftere ist. //

Die Königstochter und der Drache

Die Königstochter, gefangen gehalten vom Drachen – von wegen!
Als ob die zu dem schon sollte „Ich“ sagen können,
was an ihr Königskind ist.

Sie ist die Tochter von Drachen. Der Drache, der sie gefangen hält,
ist ihr Vater und ihre Mutter.

Und das geheimnisvolle Wesen, das durch die Luft geflogen kommt,
ist mitnichten ein Held auf geflügeltem Ross.
Es gibt gar keine geflügelten Rosse.

Auch der ist ein Drache, wie sehr sie sich auch bemüht,
ihn mit Plüschaugen anzuschauen.

Er wird sie da rausholen. Aber so lange
kann keiner Plüschaugen machen und keiner
so lange die Luft anhalten. Es stinkt zum Himmel.

Es wird nicht lange dauern, da wird sie merken,
dass sie wieder in der Hand des Drachen ist.

Ein Drache lässt sich nicht so leicht besiegen. Der einzige Drache,
der sich überhaupt besiegen lässt, ist man selbst.

Dann erst wird man zur Königstochter oder zum Menschensohn.
Dann erst ist Hoffnung, gerettet zu werden.

Zwei Schichten des Menschseins

Der gesunde Menschenverstand in seiner jeweils gültigen Ausprägung
führt nicht unbedingt zur Wahrheit,
wohl aber in die soziale Gemeinschaft hinein.

Und auch das ist ja ein Bedürfnis des Menschen
und eine Schicht des Menschseins,
Teil zu sein von dieser.

Und es ist eine andere Schicht und ein anderes Bedürnis,
Anteil zu haben an der Wahrheit
und daran frei zu werden.

Es ist hilfreich diese zwei Sachen
klar auseinander zu halten,
das ist schon schwer genug.

Aber dann muss man sie auch wieder
zusammenbringen in einer Existenz.
Und das ist die größte Herausforderung.

Urkeim der Individuation – Josephsgedenken

‚Ich werde aus dir ein großes Volk machen‘, sagt Jahwe zu Abraham.
Überwindung der Vereinzelung in die er Selbst
diesen aus der Heimat Herausgeführten gebracht hatte.
Was aber bedeutet das für Abrahams Nachkommen?

‚Du bist Teil von Abrahams Vermehrung, vermehre dich,
bekomme Kinder, damit aus Abraham ein Volk werde!‘

Und was, wenn ein Mensch lieber er selbst werden will?
Ab wann wird diese Frage relevant?
Keimhaft offenbar schon sehr bald danach.

Schon Abrahams Enkel rebelliert gegen diesen Gott,
für den die kleinste sinnvolle Einheit 1 Volk ist,
und kämpft mit ihm, versucht sich seinem Zugriff zu entringen.

Und wirklich scheint dieser Gott
jenen Widerstand leistenden Sonderling freigeben zu wollen,
als es ihm nicht gelingt, ihn zu überwinden. Aber was macht der?
Er hält den Gott nun selber fest und verlangt von ihm –
von diesem Gott – einen Segen.

Segen wozu? Was für einen sinnvollen Segen
könnte dieser Gott jenem schon geben?

Und Jahwe sagt: Gut, das Volk soll nicht nach Abraham benannt sein,
sondern nach dir. Aber hatte Jakob das denn gewollt?
Wollte er nicht vielmehr frei sein, Individuum und Mensch werden?
Zumindest wollte er es noch nicht klar genug.

Gleichviel, der Keim der Individuation war gelegt
und zwar in dieses Volk hinein. Der Drang zum ‚Ich bin‘.
Und in Joseph vollzog sich schon der nächste Schritt.

Und später dann, als Jesus zum Christus geworden war:
Immer, wenn er ‚Ich‘ sagt oder ‚Ich bin‘, fangen die Pharisäer an zu wüten.
Aber wo kommt diese Wut denn her? Was wütet da in ihnen und durch sie?
Ist es vielleicht sogar Jahwe selbst, der auch schon gewütet hat,
als Jakob sich erlaubte, ‚Ich‘ zu sagen?

Und warum hat sich Jakob überhaupt in Rahel verliebt?
Vielleicht weil er in ihr schon den sah,
den sie ihm viel später erst gebären würde?
Denn es galt noch viel Widerstand zu überwinden,
der der Geburt des Joseph entgegen stand und sie zu verhindern suchte.
Erst mussten die anderen geboren werden,
aus denen das Volk werden sollte.

Dann erst konnte Joseph kommen,
der wiederum aus der Familie heraustrat,
in die Vereinsamung kam und in eine neue Welt,
die er mitgestaltete und in der er zu sich selbst wurde.

Und sagt Jakob nicht bei Thomas Mann zu Joseph:
‚Deine Söhne nehme ich hinein ins Volk, du aber bist draußen‘?
Und ist das nicht der wahre Vatersegen? Der nämlich zur Individuation hin,
die er, Israel, nicht hatte vollbringen können?

Aber wie kam dieser Keim, dieser Urimpuls zum Ich
überhaupt in die Familie hinein?
Zunächst durch Abrahams Emigration und Vereinzelung,
dann aber durch seine Begegnung mit Melchisedek;
vielleicht ja von diesem her.

‚Die Gnade dessen, der in dem Dornbusch wohnte,
komme auf das Haupt Josephs,
auf den Scheitel des Geweihten unter seinen Brüdern.‘
So steht es im fünften Buch Mose und so sei es.

Die Idee kam von Goethe, dass man die Geschichte des Joseph
ausführlicher aufschreiben müsse.
Und sie kam in einer Zeit und einer Kultur, in der es
um die Ermöglichung der Entwicklung des individuellen Menschen
hin zu sich selbst ging.

Der Nationalsozialismus war der Versuch,
diese Kultur zu zerstören. Insofern hat Thomas Mann zu dieser Zeit
in seinem Josephsroman mit großem Verdienst
gegen diese Vernichtung angeschrieben.

Und weil das Angehen gegen die Kultur der Individuation andauert,
muss weiter an Joseph gedacht werden.