Ödipus als Erlöser

Die ganze unerlöste Menschheitssubstanz
lässt sich wohl nicht von außen erlösen,
nur von innen her.

Der Erlösungswille muss da immer wieder neu rein,
in alle Verletzungen, in alle Zustände,
die diese mit sich bringen und nach sich ziehen.

So steht das ja auch bei Walter Benjamin: Man müsse sich
auf die Widersprüche des Daseins da einlassen,
wo sie allein zu lösen sind, im Menschen. Das sei Weisheit.

Und darum ist auch Ödipus ein solcher Weiser.

Gewöhnlich sieht man es so, dass er durch all das erlebte Leid
zu Weisheit und menschlicher Größe erst gekommen sei.

Man kann es aber auch so sehen, dass der Mythos von Ödipus
schon vor seiner Geburt bestand als etwas,
was sich ereignen musste in der Sphäre des Menschseins,

die ja wachsen muss durch Anlagerung neuer Erfahrungen.
Und wie sonst hätte Iokaste die Geschichte schon erfahren können,
bei seiner Geburt, wenn sie noch nicht da gewesen wäre?

Und dass also – wie im Theater, denn auch insofern ist die Welt ja
ein großes Theater – unter den Ungeborenen gefragt wurde,
wer bereit sei, die Rolle des Ödipus zu verkörpern.

Dafür kam nur ein Weiser in Frage und dazu
war auch nur ein Weiser bereit. (Einer der Einsicht haben konnte
in die Notwendigkeit dieses Geschehens.)

Das heißt es, Ödipus nicht als Opfer zu sehen sondern als einen,
der selbstwirksam war und Verantwortung übernahm
durch sein Leben für das Fortschreiten die Menschheit.

Der also nicht durch sein Leiden zum Weisen geworden ist,
sondern durch seine Weisheit zum Leiden gekommen.