Auf der Grenze (die Berufung zur Poesie)

Auf der Grenze zwischen Nacht und Tag

Mir träumte, ich war unterwegs auf einem weiten Feld,
in einer Welt, die blass war, wie skizziert nur, noch halb unerschaffen.

Da sah ich an einem Ort, der Stadt sein konnte oder es vielleicht schon war,
einzelne Filmplakate. Und eines erkannte ich wieder.

Es war das Bild einer Wildgans oder eines ähnlichen Vogels.
Er trug aber Farben in seinem Federkleid wie aus einem Regenbogen.

Von der Freude über das Erinnertwerden an diesen Film
wurde ich innerlich fest und fröhlich und selber bunt.

Und vom Wunsch dies zu teilen wurde ich mir der Gefährtin bewusst,
die schon neben mir gegangen war, aber sie kannte den Film nicht.

Ich versuchte mich der Handlung zu erinnert, die ich fast ganz
vergessen hatte, von der nur die Farben in mir geblieben waren.

So wie ich später versuchte, mich des Traums zu erinnern.
Und er aus diesem Bemühen heraus erst eigentlich erstand.

Da war ein Junge, dem begegnete die Wildgans, draußen vor der Stadt.
Und weil sie den Jungen in einer solchen Verfassung fand, dass es nötig war,

vor allem aber auch möglich, sagte der Vogel ihm, er dürfe etwas wünschen,
und was er sich wünsche, werde ihm gewährt.

Der Junge konnte diesen Wunsch, gleichwohl er in ihm vorlag,
aber nicht ergreifen, das nämlich, was ihm weiterhülfe.

Da sprach der Vogel: Du kannst dir wünschen,
dass alle Probleme der Welt gelöst seien.

Dass die Welt ganz einfach wird und ebenso
das Leben der Menschen in ihr, auch das deine.

Oder du kannst dir wünschen, dass die Welt gleich bleibt,
schwierig, leidvoll und unerlöst, dass du aber Poet seist in ihr.

Als er dieses Wort hörte, wusste der Junge, und fand in sich die Klarheit,
dass es dieses war, sein Wunsch. Dass er nämlich zur Poesie berufen war.

Und ob es ihm auch leid tat um die Welt,
so konnte er sich nichts anderes wünschen als eben dieses.

Im Traum war es mir nicht möglich, das wiederzugeben,
mich mit dem verständlich zu machen.

Ich blieb weiter in der blassen Welt und griff vergeblich
nach Worten wie nach dem Regenbogen.

Da riss das Kind mich aus dem Schlaf, das zu mir gekommen war
und neben mir geschlafen hatte. Es hatte Böses geträumt.

Ich aber erinnerte mich meines eigenen Traums. Die Handlung des Films
war nicht mehr greifbar und kaum das Bild auf dem Plakat.

Aber ich konnte das alles jetzt, in diesem Zustand
zwischen Wachen und Träumen, aus mir selbst heraus aufbauen.

Noch zweimal holte das Kind mich zurück ins Wachsein,
als ich wieder in den Schlaf fallen wollte.

Dann ging es nicht mehr und ich blieb im Diesseits.
Und lag da mit dem Los meiner Schlaflosigkeit.

Und es geschah, dass ich in einem Moment der Annahme
beschenkt war, ähnlich wie mit einem Traum, mit dem Verständnis,

dass die Welt jener Menschen bedürfe, die sich nicht einrichten in ihr,
sondern die leben im Schmerz um ihre Unvollkommenheit

und die sie erleben als das Auseinanderklaffen dessen, wie es ist,
mit dem, was werden soll, damit alles gut sei.

Weil die Entwicklung dahin nur stattfinden kann
aus der Kraft dieser Spannung heraus im Menschen.

Ich konnte nicht mehr einschlafen und ging hinaus in den Garten.
Es war schon hell genug, um schreiben zu können.

Oben standen die Wipfel der Pappeln über den Abschlüssen der Häuser,
wie Wolken in ihrer Erhabenheit, aber dunkel.

Alles drängt nach oben, das konnte ich plötzlich sehen. Das Wasser
will Wolke werden, die Erde Lebendigkeit im Laub. Oder so:

Das Wasser drängt zum Himmel. Es will sich durchlichten
in den Wolken und lebendig werden im Geblätter der Bäume.

Und auch in mir drängt alles hinauf zur Poesie.